Montag, 26. Januar 2004
6. Sendung, Mi. 28. Jänner, 18.00 Uhr auf Radio Helsinki 92,6 in Graz sowie Internetradio als livestream

"Anmerkungen zu Hitler" von Sebastian Haffner, letzter Teil.

Auszug aus den letzten beiden Kapiteln: "Verbrechen" und "Verrat".

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Verantwortung der Deutschen
Erlauben Sie mir, Sie zu ihrer Idee den guten alte S. H. wieder in Erinnerung zu rufen und einem , wie ich meine jüngerem Publikum vorzustellen, zu beglückwünschen.
Der Text hat zu meinem Erstaunen nichts von seiner Lebendigkeit und auch von seiner Aktualität eingebüßt.
Vielem Vorgetragenem kann ich aus vollstem Herzen zustimmen. Gestatten Sie mir aber dennoch eine kleine Ergänzung und Richtigstellung vorzunehmen.
Im Gegensatz zu S.H. halte ich den Nationasozialismus für etwas in Deutschland gewachsenes. Man hat sich, besonders in linken Kreisen, daran gewöhnt, den Nationalsozialsmus Faschismus zu nennen, ein Fehler den S.H. im übrigen nicht begeht.
Niemand wird das Gemeinsame der beiden Bewegungen in Frage stellen. Sie sind gleichwohl nicht dasselbe.
Ich brauche nur an die geistige Erbschaft des Nationalsozialismus zu erinnern: von Nietzsche über Langbehn, den Georgekreis, den Wandervogel, in gewissem Maße Spengler. Ich darf die populäre, sogar die gediegene Kunstgeschichte hinzufügen, also die "Blauen Bücher", aber auch Dehios "Geschichte der deuschen Kunst". Dehio sagt im Vorwort des großen Buches, die Betrachtung der deutschen Kunst und ihrer Geschichte solle einer Entschlüsselung dessen dienen, was man das deutsche Wesen nennen könne. Ein französische oder englische Kunstgeschichte mit nämlichen Ziele erscheint undenkbar.
Im Nationalsozialismus schlägt sich eine seit langem vorbereitete Gesinnung nieder. Es schlagen sich in ihm aber auch die eben um jene Zeit lebhaft werdenden Zweifel am Fortschritt nieder; von den Zweifeln an der Arbeiterbewegung nicht zu sprechen.
Der Nationalsozialismus war keine Albernheit, vielmehr flossen in ihm Strömungen, Zweifel, Ängste, - auch Wunschvorstellungen, Ideale, welche man ernst nehmen sollte. Man kann verstehen, daß viele, die daran beteiligt waren oder mindestens daran geglaubt hatten dann, als das zuende ging, darin nichts mehr sehen wollten als einen bösen Traum, oder gar einen Zwang, dem man nicht habe widerstehen können. Ob dies aber die richtige Art ist, mit einem so tief greifenden Ereignis der Geschichte umzugehen, bezweifle ich.
Darum bin ich dagegen, die gemeinsame Verantwortung der Deutschen zu leugnen. Ich bin dafür die Mitverantwortung in Erinnerung zu bringen, den Gedanken und Gesinnungen, die dahin geführt haben, mit Verständnis nachzugehen und denke dabei an die Psychoanalyse: Wenn man nicht lernt, was man wollen kann, was man hat wollen können, wird man über die Folgen eigener Wünsche nie hinwegkommen.
will man sich also von diesem Regime befreien, so muß man es zunächst gewissermaßen anerkennen und nicht sagen:"All das hatte mit uns nichts zu tun."

Mit guten Wünschen

E.M.

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